Das Schweigen der Mitfahrer – Part 2

Die ersten Mitfahrer beschweren sich. Es herrscht ein reges Treiben. Die hintere Reihe plant insgeheim einen Aufstand. Eins ist sicher: So geht es nicht weiter. Wenn ich nicht erahnen könnte, dass ich im Ruhrgbeit bin, würde es mir glatt so vorkommen, als wäre ich auf den Balearen. In einem Bus voller Touristen, genervt und erschöpft von der Anreise, einfach nur noch ins Hotel wollend. Die erschlagende Hitze macht das Unterfangen nicht einfacher. Doch trotzdem hält sich die Stimmung noch in Grenzen, denn alle freuen sich auf den beginnenden Urlaub… Wenn ich mich so umschaue jedoch, finde ich nur ein Bild der Erschöpfung und (negativen) Erregtheit. Als Ziel haben die meisten Menschen ihr zuhause. Manche müssen sogar direkt durch zur Arbeit oder zur Schule / Universität. Jedem dürfte klar sein, dass sich die Freude hier eher in Grenzen hält. Auch ich will nur noch ins Bett. So richtig entspannen, was mir hier in dem Bus nicht möglich ist. Ich schlauer Fuchs habe mir den nächchsten Tag freigenommen. Doch ich denke an all die Fahrgäste, die dieses Glück nicht teilen können. Sie suchen nach ein wenig Schlaf, welcher in der Hitze der Sahara nicht möglich ist.

Also zurück zum Aufstand. Die Leute vorne schauen sich schon verzweifelt um. Wer kommt als erster mit einer Idee um die Ecke? Wer traut sich? Die Menschen vorne hätten zwar gerne eine Lösung, aber trauen sich nicht aufzustehen und zum Busfahrer zu gehen. Sie sind zu nah in der Gefahrenzone. Was wenn der Busfahrer ihren Wunsch nicht stattgibt? Dann müssen Sie die nächsten 1-2 Stunden den Zorn der Fahrer ertragen. Auch wenn der Zorn sich auf eine Sprache entladen würde, die den meisten Fahrgästen sowieso fremd ist, ist es ein recht unangenehmes Gefühl. Nachher wird man noch ausgesetzt, immerhin kursieren über den Anbieter die wildesten Gerüchte…
Auch ich bin was solche Sachen angeht eher ein Schisser. Ich lass das gerne Andere machen. Ich bin auch der typische Friseurgänger, dessen Haare noch so ruiniert sein können nach dem Besuch, der freundlich lächelnd der Friseurin, die nun zwei Stunden die Haare bis in die kleinste Faser versaut hat, zu sagen „ja eh … super sieht das aus! Genauso habe ich mir das vorgestellt“ *augenverdrehender Smiley*

Es wird getuschelt, der Fahrer blickt schon nach hinten. Mist, verdammte Kacke. Sind wir nun aufgeflogen? Gleich wird er anhalten und uns alle rausschmeißen. Ich sehe schon den Zeitungsartikel vor mir: „Gäste, gegen 3 Uhr Nachts mitten in der Pampa ausgesetzt – Fahrer blickt noch lächelnd zurück“ Und tatsächlich, das Schild mit der Aufschrift „Rasthof“ leuchtet im grellen Licht der Scheinwerfer. Wir werden langsamer … oh ich bitte euch, kann dies denn wirklich der Fall sein? Wir fahren rechts ran. Der Fahrer nimmt das Mikrofon und ich bereite mich auf eine Nacht in der freien Wildnis vor. Überlege schon, wie ich am besten nach Hause laufe, denn trampen ist ja – auf Deutsch gesagt – so gar nicht meins. „Wir fahren kurz ran…äh..hier. Klo Pause, isss dringend“ 
Puh… noch einmal Glück gehabt. Nach der kurzen Pause schreitet der Fahrgast aus der vorletzten Reihe todesmutig nach vorne. Alle schauen ihn gespannt an. Mit großen Schritten schreitet er voran. Beim Busfahrer angekommen, erhebt er nun ganz vorsichtig das Wort. Die Augen der Mitreisenden werden immer größer: „Ehm, der Herr… entschuldigen Sie bitte. Wäre es vielleicht in Ordnung für Sie, wenn Sie die Klimaanlage anmachen könnten? Es ist mittlerweile doch sehr heiß hier im Bus. Das wäre wirklich sehr nett von Ihnen.“ Es fehlte eigentlich nur noch ein „Vielen Dank bereits im Voraus, mit freundlichen Grüßen“ Warum zur Hölle hat er es so formuliert? Was ist das denn für ein Aufstand?! Fordernd hätte er sein müssen, energisch, aussagekräftig und mit Argumenten bepackt hätte er sich vor den Fahrer stellen müssen und er hätte nicht eher aufgeben dürfen, bis die Klimaanlage eingeschaltet wurde. So schön stellte ich es mir in meinem Kopf vor. Von allen bejubelnd wäre er zu seinem Platz zurück gestiefelt und selbst der Russe neben mir hätte laut „DANKE!“ geschrien.
Doch wie sah die Realität aus? Nichts von dem war eingetroffen. Der Fahrer stammelte nur ein „Klima kaputt, jetzt wieder hinsetzten!“ und als ein kleiner Hauch von Widerstand beim (viel zu) netten Mitreisenden aufkam, wurde der Fahrer lauter „ehy, hinsetzten hab ich gesagt. Wegen Sicherheit und so“. Ich klatschte die Hand vor den Kopf. War das wirklich alles? Ich mein, ja ich weiß. Ich kann viel meckern, ich hätte es ja auch selber machen können. Aber wenn ich mich für eine Sache entscheide, dann muss ich auch mit Herzblut dabei sein. Und das war der Gute leider so überhaupt nicht. Wenn ich es numerisch ausdrücken müsste (uh ja ein Fremdwort), dann wären es auf einer Skala von 0-100% vielleicht gerade mal 10% gewesen. So ein Weichei.

Zwei Stunden später erreichten wir dann nun endlich und früher als erwartet unser Ziel. Mich freute es besonders, da ich so meinen Anschlusszug noch bekommen konnte und ich nicht noch über eine Stunde am Hauptbahnhof einer großen Stadt hätte warten müssen. In Jogginghose gekleidet, stieg ich also aus und huschte zum Gleis. Naja, ist ja niemand unterwegs, was soll’s wenn dich jemand sieht. Ja, ne ist klar. Pustekuchen! Viele Menschen in Anzug, top motiviert und mit Laptops kamen mir entgegen. Wir hatten kurz vor 6. Ich hätte es mir ja denken können, dass nun viele arbeitswütige Menschen unterwegs sind. Workaholics, die sich vermutlich die ganze Nacht schon darauf gefreut haben, endlich wieder arbeiten gehen zu dürfen und die Nacht im Gegensatz zu mir voller Vorfreude verbracht haben *Ironie aus*. Wobei das stimmt nicht ganz. Meine Vorfreude auf mein richtiges Bett war nie größer, als in dieser Nacht. Denn, wie sagt man so schön? Zuhause ist es immer noch am Schönsten.

Travel Tuesday

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