Das Schweigen der Mitfahrer – Part 1

Ich habe das Wochenende in Hamburg verbracht. Toll war es, keine Frage. Doch irgendwann ist auch die schönste Reise vorbei, es geht zurück. Da ich eine arme Studentin bin, die es sich eigentlich nur erlauben kann nach Balkonien zu reisen, habe ich mich für die Heimfahrt mit einem bekannten Fernbusunternehmen entschieden. Um noch möglichst viel von der Stadt mitzubekommen (und möglichst billig zu „traveln“) entschied ich mich für eine Nachtfahrt. Um 23:50 Uhr geht’s los. Schon der Beginn wirkt wie eine große Klassenfahrt. Jeder versucht den für sich besten Platz zu finden, kaum ist der Bus angekommen, wird alles gute Benehmen über Bord geschmissen und jeder möchte als Erster den Bus betreten. Ich kam zu spät – stehe deshalb ganz hinten und schaue mir das Spektakel in Ruhe an. Einen Platz habe ich ja sowieso. Ich setze mich auf einen Platz am Gang, neben mir ein groß gewachsener junger Mann mit Kopfhörern. Begeistert ist er nicht, aber hey. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Ich würde nun auch lieber woanders sein. Man muss mit dem Leben was man hat. Ich frage freundlich, ob ich mich dort hinsetzen kann. Keine Antwort. Er guckt mich fragend an, nickt dann aber und nimmt seine Jacke von dem Nachbarsitz. Ich versuche die Fahrzeit von knapp 6 Stunden (Hamburg – Essen) irgendwie rumzukriegen. Musik, Lesen, Internetstöberei … die Zeit will nicht umgehen. Das Internet habe ich nun durch, eigentlich will ich nur noch Schlafen. Doch das will mir nicht so richtig gelingen. Mein Nachbar rückt schlafend immer näher. Der Glückliche! Wobei … wenn ich nun auch so einschlafen würde, könnte es schon an sexuelle Belästigung grenzen. Doch alles hilft nichts … ich kann meine Augen nicht mehr wach halten und schlafe ein….

Das sanfte Ruckeln der Schlaglöcher reißt mich aus dem Schlaf. Wir scheinen wohl nicht mehr auf der Autobahn zu sein. Verschlafen wie nach einem viel zu heftigen Mittagsschlaf wache ich auf. Der Kerl neben mir spricht kein Deutsch. Deshalb auch so gesprächsarm. Er hat nun endlich aufgehört sich anzukuscheln… ja, an sich ganz nett, aber stehe ich eigentlich nicht so drauf. Wir stehen jetzt in Münster. Obwohl doch alle Städte im Dunkeln gleich aussehen, habe ich das Gefühl, dass ich hier schon einmal war. An Bremen sind wir schon vorbei, Dortmund und Bochum sollten noch in weiter Ferne liegen, also muss es Münster sein. Oder habe ich vielleicht schon so viel Zeit verschlafen, dass ich gar schon über mein Ziel (Essen) hinaus bin? Panik steigt in mir auf, mein Puls geht hoch, meine Hände zittern. Bitte nicht! Ich möchte nicht um halb 6 morgens mitten im Nirgendwo stehen. Dann durchdringt mich das Geschrei, dass einer Engelsstimme gleicht: „Nächster Halt ist Münster, bitte Aussteigen. Für alle, die weiterfahren: Wir bleiben 10min Stehen. Zeit für eine kurze Toiletten- bzw. Raucherpause!“ oder um es in seinen Worten zu sagen „öööh, äh, näähste Halt is Münster, Aussteigen. Wir bleiben ääh ca. 10min hier für Klo und rauchen Pause“. Nach der zweiten Wiederholung ist selbst der Schnarcher aus der vorletzten Reihe aufgewacht. Das Licht geht an schonend und behutsam an, sodass man das Gefühl hat nun auf einer Bühne zu stehen. Angestrahlt von mind. zehn Scheinwerfer. Der Kontrast zur schwarzen Nacht draußen könnte nicht stärker sein. Ich versuche die Augen aufzumachen und merke das in nicht weiter Ferne eine Tankstelle zu sehen ist. Die Benzinpreise hier sind der Wahnsinn. 1,51€ der Liter … man möchte lieber nach Hause laufen!

Nach einer hoffentlich kurzen Pause (man weiß nicht wie lange es dauert, denn auch die Fahrer des Giganten machen „Klo und rauchen Pause“ geht es dann weiter. Nur noch zwei Stunden und ich hab’s geschafft. Die letzten drei Stunden habe ich mich mit konstanter Ignoranz, autogenem Training und einer Schmerztablette über Wasser gehalten bzw. in den 5min Schlaf katapultiert. Ziemlich erschöpft blicke ich erneut auf. Mir ist heiß, kein Lüftchen in Reichweite. Lediglich der Gang meines Kuschelpartners alias Sitznachbarns nach draußen, spendet mir einen Luftzug. Ein Weilchen später fragt er mich grob aber freundlich, ob er sich nun wieder setzen darf. Ich nicke – denn die Kommunikation miteinander war ja nicht so unsers – stehe gedankenlos auf und mache den Weg frei. Es geht nun wohl weiter … Ob ich noch eine Schmerztablette nehmen muss? Schaltet der Bus endlich die Klimaanlage an?
Es bleibt interessant …

Blog Kurzgeschichten Travel Tuesday

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