Wann ist Einlass?

8:00 Uhr morgens: Mein Arbeitstag beginnt. Wie jeden Morgen bin ich schon früh auf den Beinen. Schließlich muss ich noch duschen, mit dem Hund raus, frühstücken und meine morgentliche Sitzung halten. 05:00 Uhr aufstehen ist daher ein Muss. Nach einer viel zu kurzen Nacht und einem noch stressigeren Morgen (Ich dachte ja immer ich wäre wählerisch, aber habt ihr schon einmal einen Hund dabei beobachtet, wie er sich ein Plätzchen fürs „Grobe“ aussucht?), machte ich mich auf dem Weg zu meiner Arbeitsstelle. Damals war das noch eine Stelle in einer in Deutschland wohlbekannten Multifunktionsarena. Kann man dies so sagen? Die Mitarbeiter hatten jedenfalls immer – trotz offizieller Funktion – multi Funktionen, die sie übernehmen mussten. Also ja. Ich war das Mädchen für Alles, auch bekannt als Supervisor, hatte also Mitarbeiter unter mir. Ach dieses herrliche Gefühl der Macht, die man ausstrahlen konnte. Ich konnte immer ganz klar anweisen „Hey, du machst heute die und die Aufgabe. Darauf habe ich nämlich keine Lust“ Ups, habe ich das gerade eben laut gesagt? Nunja, es weiß ja sowieso jeder, dass ich es so meine. Hätte ich gesagt „Und zwar deshalb, weil du das viel besser kannst und viel begabter dabei bist als ich“, hätte mir doch sowieso niemand geglaubt. Janin, du hast es also geschafft, redete ich mir selbst voller Stolz ein. Wenn du andere delegieren kannst, keine Ahnung von dem hast was du tust und auch nicht so wirklich Bock auf den Scheiß hast, aber es irgendwie schon läuft, erinnerte mich das ganz klar an unsere Chefetage. Eigentlich an fast alle Chefs, die ich bis dato so kennengelernt habe. Ich muss also ein ganz großer Fisch sein. Solange ich selbst davon überzeugt bin, kann mir also nichts passieren, dachte ich.

8:10 Uhr: Ich betrete den Arbeitsplatz, bereite alles vor, schließe alles auf und informiere mich – wie das ein pflichtbewusster Mitarbeiter nun mal so tut – über die Geschehnisse der letzten Tage, da dies mein erster Arbeitstag in der Woche ist. Oh, hatte ich erwähnt, dass wir Samstag haben?
Ihr müsst jetzt alle denken: Woooow! Studentin, arbeitet an einem Samstag, dann noch so früh. Wie cool ist die denn? Natürlich denkt ihr das. Es entspricht ja auch der Wahrheit 😉
Gefangen in der Selbstverliebtheit übersehe ich doch fast, dass an dem heutigen Tag eine Veranstaltung in unserem Haus stattfindet. Yaaay, ich muss zwei Stunden weniger arbeiten als geplant. Obwohl mich diese Tatsache freut, schaut mein Portmonee mich nur traurig an. Und es ist wirklich bitter, denn die zwei Stunden hätte ich finanztechnisch sehr gut gebrauchen können. Auch dies ist traurig, aber wahr.

8:30 Uhr: Die Telefone sind freigeschaltet, wir haben geöffnet. Schon beginnt der Run auf die noch verfügbaren Plätze… dachte ich. Bis 10 Uhr geschieht einfach, ihr ahnt es vielleicht bereits, gar nichts. Nada. Null. Niente. Mein Mitarbeiter neben mir schlägt die Zeitung auf und trinkt genüsslich seinen Kaffee. Darf er das?
Dem beispielhaften Kollegen folgend, schaue ich mir das ein oder andere Video im Internet an. Natürlich nur zu investigativen Zwecken. Da schlägt der erste Kunde auf. Oh junge junge, jetzt wird es spannend. Was er wohl möchte, wie viele Tickets bekommt er, wie viele Einnahmen werden wir generieren, wird er Bar oder mit Karte zahlen? All diese Fragen schießen mir durch den Kopf. Ich schwitze vor Aufregung, tippe ganz nervös mit dem Fuß auf dem Boden herum.
Auch wenn ihr jetzt denkt, ich wäre bekloppt – gut vielleicht habt ihr damit auch ein klein wenig Recht –  aber wenn euch den ganzen Tag nichts passiert, wenn ihr nichts wirklich unternehmen könnt, dann freut ihr euch auch auf die noch so kleinste Regung. Umso ernüchternder stelle ich fest, dass der Kunde nur eine Wegbeschreibung zum anliegenden Shoppingcenter verlangt. Na super, das werden ja spannende restliche Stunden.

10:30 Uhr: Mein gesprächskarger Mitarbeiter versucht hin und wieder mit mir zu reden, um die Stille zu überspielen. Auch ich versuche mich verzweifelt an den Gesprächen festzuhalten, damit die Zeit überhaupt vergeht. Aber so ganz wollen wir nicht. Dafür sind unsere Interessen zu verschieden. Das Internet habe ich nun schon komplett durchgeschaut, zwei mal und Uni? Neee, danke. So weit weg scheinen noch die Klausuren. Die letzten Semester hat es ganz gut funktioniert, erst kurz vor den Klausuren das Lernen zu beginnen. Dieses Ritual wollen wir nicht unterbrechen: Never change a winning Team!

11:00 Uhr: DER ERSTE ANRUFER! „DAS IST MEINER!!“, schreie ich aus dem tiefsten meiner Kehle. „ICH WILL“. Mit dem Telefon in der Hand starte ich voller Tatendrang mit den üblichen Begrüßungsfloskeln. Am anderen Ende ist die Frage nach der Einlasszeit aufgekommen. Diese Information sei auf der Karte nicht zu finden. Generell ist es ja verwirrend, dass dort nur eine Zeit gedruckt ist. Ist dies die Anfangs- oder die Einlasszeit? Und wenn dies die Einlasszeit ist, wann ist dann der Beginn? Völlig überfordert stellt der Kunde mir diese Fragen und ich antworte mit „Die auf dem Ticket aufgedruckte Zeit stellt die Anfangszeit dar, der Einlass erfolgt in der Regel 1 1/2 Stunden zuvor und beginnt damit heute um 18:30 Uhr. Der Einlass ist oft nicht auf den Tickets vermerkt, weshalb es gut war, dass sie angerufen haben. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“ Und obwohl ich ihn nicht sehe, stelle ich mir vor, wie er freundlich kopfschüttelnd und verwundert über die Kompetenz ist, sagt „Nein, danke. Das war’s schon.“ Ich bedanke mich für das Gespräch und lege auf. Erstaunt darüber, wie souverän ich die Situation gemeistert habe – ich habe mich ja morgens bereits informiert (und es NICHT wieder vergessen) – lehne ich mich entspannt zurück und falle dabei fast genauso souverän vom Stuhl.
Keine fünf Minuten später erfolgt der nächste Anruf. Wieder wird nach dem Einlass gefragt, wieder das exakt gleiche Szenario. Zufrieden lege ich auf und beschäftige mich wieder mit meinen Videos. Da folgt auch schon der nächste Anruf. Ok, Leute … die ersten zwei Male war es ja noch ganz nett. Aber nach dem zehnten Gespräch hatte ich die Schnauze voll. Ich fühlte mich wie ein Anrufbeantworter, ein Band, welches stehen geblieben ist und die exakt gleichen Sachen immer und immer wieder wiederholte. Es war ein Teufelskreis. Und täglich grüßt das Murmeltier. Ich war kurz davor meine Antworten auf dem Smartphone aufzunehmen und einfach nur noch abzuspielen. Kurz gesagt: Ich wurde wahnsinnig. Da auch das Telefon im Sekundentakt klingelte, kam ich nicht einmal dazu kurz Inne zu halten.

12:00 Uhr: Nach mehrfachen ganz subtilen Hinweisen meinerseits wie „kannst du mal bitte übernehmen?! Ich brauche kurz eine Pause“, bemerkte mein Kollege, dass er vielleicht mal das Telefon übernehmen und mir eine kurze Pause gönnen sollte. Wie einfühlsam und nett von ihm. Entspannt lehnte ich mich also zurück und ich musste nicht lange warten bis der erste Anruf kam.
Ein Verkaufsgespräch. Ja Himmel, Arsch und Zwirn, darf das denn wahr sein?! Innerlich lachend, dass nun bei ihm die Phase der Verzweiflung und der Wiederholung á la Roboter beginnt, wurden auch diese Hoffnungen zerstört und er zog natürlich – wie auch sonst – den dicken Fisch ans Land. Ich bemühte mich ruhig zu bleiben und das gelang mir auch ganz gut. Mit schroffen Worten wie „ach, scheiße. Gib her, ich kann das auch!“ riss ich ihm das Telefon aus der Hand. Der nächste Anruf ist da. Voller Erwartung nehme ich den Hörer ab. Und es ist schon wieder eine Frage nach dem Einlass zu vernehmen. „WANN IST EINLASS? Steht hier nicht auf der Karte“. Doch dieses Gespräch war noch lustiger, als die vorherigen. Nachdem die Dame mir weis machen wollte, dass ja zuvor die Zeit draufgestanden hätte und seitdem sie in der letzten Woche ein Ersatzticket von uns bekommen hatte (nachdem sie zuvor zu blöd war ihr ursprüngliches Ticket zu behalten), die Einlasszeit nun nicht mehr drauf stehen würde, platzte mir der Kragen. Was soll ich sagen, wir hatten einfach Spaß Sie zu ärgern und haben deshalb einfach – natürlich nur für Sie – die Einlasszeit vom Ticket gestrichen. Ja gibt’s denn sowas? Beschweren sollten Sie sich, sofern Sie denn nichts Besseres zu tun haben. Ach halt warten Sie, das tun Sie ja bereits… Dem nächsten Anrufer würde ich das ganze Gespräch einfach so an den Kopf schmeißen.

Gesagt, getan:

13:00 Uhr: Der – für mich an diesem Tag – letzte Anruf kommt rein. Freundlich startend beginne ich mit der Begrüßungsfloskel. Doch nur ohne diesmal eine lange Pause zu machen, holte ich einmal tief Luft und schrie genervt „Der Einlass Heute beginnt um 18:30 Uhr, ja ich weiß, dass dies nicht auf dem Ticket steht und verwirrend sein könnte, aber der Einlass steht öfter nicht auf den Tickets, dies ist nichts Neues. Ja genau, das bedeutet, dass die fettgedruckte Zeit auf dem Ticket für den Beginn der Veranstaltung steht, ich habe keine Ahnung wieso dies nicht kommuniziert wurde und viel Spaß später“. Gerade als ich auflegen wollte, vernam ich eine Stimme „Halt, Moment“ … Es war mein Chef (Chef Chef sozusagen), der sich nur erkundigen wollte, ob schon jemand im Hause ist, der ihm bei einer Sache helfen könnte.
Ups, doof gelaufen ….

Kurzgeschichten

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